Das nagelneue Testament

29. Juni 2011

Die Kirche im Jahr 2500

Filed under: Dritter Teil — nagelneuestestament @ 17:09

Knapp 500 Jahre nach Benedikt XVI hat sich nicht viel geändert auf der Welt. Immer noch gibt es Kriege, die aus drei Gründen geführt werden: Religion, Gier und Dummheit. Immer noch herrscht der Irrglaube des ständigen Wirtschaftswachstums, obgleich die Rohstoffvorkommen nahezu erschöpft sind und nur unter Einsatz teuerster Technologie gewonnen werden können, was sich beim Preis bemerkbar macht. Und immer noch folgen Milliarden von Menschen virtuellen, allmächtigen Freunden. Gerade jetzt, in Zeiten unerreichbarer, da teurer, Waren, erhalten die Kirchen Zulauf wie die Wasserhändler am dänischen Saharanordrand.

Aber es hat sich auch einiges geändert. Sechzig Milliarden Menschen wollen unterhalten sein, sechzig Milliarden Seelen gerettet. Nachdem die Industrieländer nach und nach bankrott gingen, böse Zungen behaupten, der Grund sei damals die Finanzkrise und der Zusammenbruch Griechenlands, Irlands, Spaniens und Portugals in der Eurozone gewesen, breiteten sich die Religionen aus den damals sogenannten Drittweltländern über den Globus aus. Speziell die Afrikaner, die in jedem Dorf eine andere Splittergruppe christlicher Sekten gründeten, waren dabei erfolgreich. Angepasst an die weltweite Geschäftssprache chinesisch stellten sie sich am schnellsten um und vertrieben ihre Produkte zweisprachig: chinesisch und in der jeweiligen Landessprache. Kirchen schossen wie Fußpilz in einer öffentlichen Badeanstalt aus dem Boden, jede mit einem neuen, noch erfolgsversprechenderem Namen. Da gab es die Heiligen des ungebremsten Wohlstands, die Gesalbten des vollen Kontos und die Wahren Stimmen der letzten Tage, letztere eine Gruppierung von Frauen am Beginn der Menopause. All jenen Kirchengruppen war gemein, dass ein Bischof sich als wahrer Verkünder der einzigen Wahrheit voranstellte, seinen Schäfchen alles mögliche versprach und ihnen die buntesten Luftschlösser vor Augen malte. Natürlich hatte er all dies Wissen, diese Wahrheit direkt von Gott empfangen, andere Prediger seien nur Weicheier und Lügner, und außerdem, nur wer ihm folge, geriete in den Sog allwährenden Reichtums und Glücks. Man müsse nur regelmäßig und ausreichend spenden, damit der Weg in die Glückseligkeit gepolstert sei. Unerwähnt blieb in diesem Zusammenhang, dass die Glückseligkeit nur ihn selbst beträfe, aber damit könne er leben.

Natürlich konnte die katholische Kirche nicht lange genug dagegen anstinken, schließlich lief bei den alternativen Religionen die bessere Musik, der Kerl vorne am Pult sah wie ein richtiger Mann aus und nicht wie einer, der sich mal schnell durch den Kleiderschrank seiner Frau wühlte und auch das ganze Gedöns mit strengen Regeln fehlte. Ergo rüstete der Vatikan auf.

Nicht nur, dass den Priestern die Ehe mit Ministranten erlaubt wurde, nein, sogar der Papst selbst ließ sich nicht lumpen und lud alle Staatsoberhäupter im Jahre 2464 zu seiner Hochzeit mit dem Erzbischof von Köln ein. Der hatte, Jahrhunderte zeigen ihre Wirkung, natürlich schon lange mit einer solchen Verbindung geliebäugelt. Gerade in seinem Bistum konnte er ja täglich dem lustigen Treiben am CSD zuschauen. Gerne wäre er ja auf so einem Wagen mitgefahren, er hätte auch extra seinen Schlüpfer unter der Soutane vergessen, aber die Pflichten, die er hatte, untersagten ihm die Teilnahme. Und so kamen nur seine Ministranten in den Genuss der schamhaft erröteten Rosette. Jedenfalls waren auf der Hochzeit alle namhaften Größen der Welt vertreten, darunter etwa 140 Despoten, der Rest Könige und Königinnen. Eine ganze Woche wurde gefeiert, danach konnte sich die Betty-Ford-Klinik vor Neuzugängen kaum retten.

Aber auch anders rüstete die katholische Kirche auf. Die neuen Kreuzzüge in den Jahren 2377, 2432 und 2496 wurden von Krauss-Maffei, Heckler & Koch und Lockheed Martin gesponsort, als es darum ging, den Mittleren und Fernen Osten final zu christianisieren. Auf kurze Sicht lösten diese heiligen Missionen der neuen Tage das Problem der Überbevölkerung, speziell in Indien und Westchina, allerdings blieb bis auf Weiteres das Gebiet um Israel, Jordanien und Syrien aufgrund radioaktiven Fallouts für einige Jahrtausende unbewohnbar. Gut, damit hatte man dann wenigstens den Tempelberg davor bewahrt, von milliarden Pilgerfüßen plattgetreten zu werden, aber es gab da ja noch minimale Veränderungen in der Genstruktur der Mittelmeerfische. Und weiter östlich: ob die arabische Wüste nun aufgrund Wassermangels unbewohnbar blieb, oder aufgrund radioaktiven Leuchtens in der Nacht – da die Ölvorräte sowieso erschöpft waren, machte das keinen Unterschied. Wenigstens hatte man das dauernde Nahostgeplänkel dauerhaft beseitigt.
Nicht ganz gelungen war dagegen das eigentliche Ziel der Bekehrung der Muslime, die sich mittels Terrorakten gegen den Vatikan wehrten. So wurden beispielsweise an Ostern 250 vergiftete Döner geliefert, als sich der Tuntenverein mal wieder ein Stelldichein in Rom gab. Die Aktion war allerdings von keinem großen Erfolg gekrönt, da eine Neutralisation des Giftes durch Messwein bei fast allen Teilnehmern gelang, lediglich zwei 97 und 92 Jahre alte Kardinäle kamen ums Leben, aber nach Berichten aus dem Vatikan sei das eher auf Altersschwäche und die albanischen Nutten zurückzuführen gewesen.

Auch wirtschaftlich hatte die Kirche sich inzwischen engagiert. Nach Aufkauf aller Aktien empfängnisverhütender Mittel herstellender Konzerne konnte im Jahre 2452 endlich unter der Kontrolle des obersten Kuttenträgers ein umfassendes Herstellungs- und Nutzungsverbot durchgesetzt werden. Der sprunghafte Gebutrenanstieg und die Zwangstaufe taten ihr Übriges, um die Mitgliederzahl einem konstanten Wachstum zu unterwerfen. Die obligaten Sonntagsabgaben im morgendlichen Gemeinschaftsturnen mit Dudelmusikbegleitung und Hirnbetäubung durch Drogenrauchschwaden halten den Kontostand im schwarzen Bereich, so dass sich die Herrenriege weiterhin ihrem lasterhaften Leben widmen kann.

Wie man sieht: ein Theologiestudium lohnt immer!

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