Das nagelneue Testament

9. April 2010

Kain Spaß, Abel lustig!

Ging es im vorigen Teil des neuen Alten Testaments um eine überforderte Urmutter Eva (hätte es damals schon Fenseher und RTL gegeben, hätte sie die Supernanny rufen können, aber so ganz ohne Telefon vom nahen Osten aus bis Deutschland zu brüllen, ging ja auch nicht), so sollten wir unser Augenmerk auf Sohnemann 1.0 – Kain – und Sohnemann 2.0 – Abel – lenken und die beiden ein wenig vergleichend mikroskopieren:

Während Mutti Eva sich mangels zuverlässiger Verhütungsmittel nun pausenlos um die neue Spaßbremse – Abel – zu bemühen hatte, brütete Kain aus der Wahrnehmung des Unerwünschtseins heraus eine mittelschwere Neurose aus, die durch das Mitansehen des ein wenig entspannteren Umganges Evas mit Filius 2 (Erfahrung macht entspannt, entspanntere Muttis haben entspanntere Babies) keineswegs gebessert wurde.

Im Gegenteil, seine Schuldgefühle häuften sich auf zu der Überzeugung, es ja nicht besser verdient zu haben, als hart ran zu müssen. Das wirkte sich dann auch auf seine Berufswahl aus. Hätte es damals schon Hoesch gegeben, wäre aus Kain also sicherlich ein eifriger Stahlkocher am Hochofen geworden. Da seinerzeit die industrielle Revolution noch in der weiten Entfernung der Zukunft gab, wurde Kain zeitgemäß Bauer und ackerte sich pflügenderweise den Buckel krumm und schleuderte seinen Samen gen Erde.

Auch, damit Papa Adam nicht mehr ständig so lange auf Futtersuche unterwegs war. Schließlich war Kain ja auch der Überzeugung, schuld an dessen hornhautschrundigen Füßen zu sein, weil Adam das gesamte Essen für die Familie allein sammeln gehen musste, während Eva Nachwuchs säugte.

Dank Kain und seinen Anstrengungen wurden also alle bequem satt, der Papa hatte auch gelegentlich ein wenig Zeit für Eva und Filius 2. was den kleinen Sonnenschein in seiner Entwicklung beeinflusste und er prompt in Richtung Bruder Leichtfuß mutierte, der recht schnell zu der Überzeugung kam, ihm müsse alles nur so zufliegen und besonders die Lerchen über den Wiesen.

Statt also die Felder mit seinem Schweiß zu tränken, lief er als Hirte dem Vieh und den Lerchen hinterher, genoss frische Luft und gleichsam frische Ziegenmilch beim Wandern übers Land:

Aus einem entspannten Kind war also ein entspannter Hirte geworden, der über schlechte Laune nicht zu klagen hatte. Zudem sonnte er sich in Beliebtheit: Milch, Käse und Ziegenbraten brachten wegen des Gehalts an tierischem Eiweiß natürlich ringsum ein lautes Hallo hervor.

Dagegen stanken Getreide und Gemüse aus der schweißtreibenden Arbeit von Kains Händen mächtig ab. Wer will schon Hirsebrei, wenn er eine Keule Fleisch abnagen konnte? Doch höchstens Vegetarier, und die waren damals ja auch noch nicht erfunden.

Die an anderer Stelle bereits erwähnte Gefühlspalette Kains erweiterte sich abermals:
Frustration, Enttäuschung und Neid machten sich breiter, als Kains Autoaffektkontrolle im Zaume zu halten vermochte. Blöd war nur, dass er in dieselbe Schuldzuweisungsfalle geraten war wie weiland Muttern.

Und so machte Kain den Fehler, seinen Bruder Abel als Ursache für sein Elend zu betrachten und schlug diesem den Schädel zu Brei. Das hätte er mal lieber bei seiner dusseligen Mutter tun sollen und möglicherweise hat Adam das auch so gesehen.

Grundsätzlich ist das Zermatschen von Köpfen anderer Leute mittels Feldsteinen natürlich ohnehin nicht gut zu heißen. Andererseits würde ein heutiges Gericht wahrscheinlich Milde walten lassen gegenüber Kain mit seiner verpfuschten Kindheit und der daraus resultierenden blinden Wut, die Kain vorübergehend den Verstand und die Selbstkontrolle raubte.

Damals jedoch fiel die Judikative in den Zuständigkeitsbereich einer Fabelfigur namens „Gott“, in den entsprechenden Aufzeichnungen gelegentlich auch „Herr“ genannt, was auch logisch ist, weil eine Dame sich so nicht benimmt.

Selbiger „Herr“ staunte sicherlich nicht schlecht, als unser Delinquent bei der Verkündung des Strafmaßes nicht nur den Berufsstand des Strafverteidigers empfand, sondern obendrein gleichzeitig selbst zum ersten solchen avancierte und ein Veto gegen das ursprüngliche Urteil einlegte.

Offensichtlich hatte der Wutausbruch, auch wenn er tragisch in einem Tötungsdelikt gipfelte, einen therapeutischen Effekt auf Kain, der dazu führte, dass durch den Befreiungsschlag auf Abels Haupt sein Selbstwertgefühl stieg und er in diesem Moment das „selbstbewusste Auftreten“ erfand. Was dazu führte, dass sich künftig seine Mitmenschen zweimal überlegten, ihn zu segieren.

Später nannte man dies fälschlicherweise „Kainsmal“ und wurde deshalb hin und wieder mit Leberflecken oder anderen Hautanomalien verwechselt.

Was die Judikative für eine Strafe gehalten hatte, nämlich die Vertreibung aus der angestammten Heimat, entpuppte sich für Kain letztendlich als Segen:

Er führte den Mythos, seine Eltern und – nach Abels Tod – er selbst seien die einzigen humanoiden Bewohner des Planeten ad absurdum, in dem er umherirrenderweise ein Frau fand, mit der er sich zusammentat. Hormone waren damals nämlich sehr wohl schon erfunden.

Ob allerdings seine Eltern oder der früheste Amtsvorgänger von Richterin Barbara Salesch hier das Blaue vom Himmel herunter gelogen hatten, bleibt im Nebel des Vergessens verschollen.

Der endlich geliebte Kain jedenfalls stand sich von nun an nicht mehr selbst auf den Psycho-Schlauch und gründete nicht nur eine Familie, sondern gleich eine ganze Stadt. Interessanterweise bestanden die Nachfahren Kains aus Nomaden, Musikern und Erfindern – alles Kreative also. Natürlich kam bei denen auch hier und da ein wenig Größenwahn vor, aber hey: Künstlervolk! So sind kreative Menschen nun einmal. Das hat weder van Gogh noch Lindsay Lohan erfunden.

Lesen Sie demnächst, wie es in Kains Ursprungsfamilie nach seinem Weggang so zuging.

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3 Kommentare »

  1. […] : "http%3A%2F%2Fbuchstaeblich.wordpress.com%2F2010%2F04%2F09%2Fmein-testament%2F" } So ein Testament kann ganz schön viel Zeit in Anspruch nehmen, aber wahrscheinlich lebe ich noch lang genug, um es […]

    Pingback von Mein Testament « Buchstaeblich seltsam! — 9. April 2010 @ 13:43

  2. […] @ 18:03 Tags: Adam, Bibel, Das neue Alte Testament, Eva, Kain, Pädagogik, Psychologie Wie versprochen kehren wir zurück zu den vermeintlich ersten Erdbewohnern, die mangels genossener Erziehung durch […]

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  3. […] vorher geschah: Teil 1 Teil 2 Teil 3 Teil 4 Hinterlasse einen […]

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