Das nagelneue Testament

2. Februar 2009

Am Anfang war der Thriller

Filed under: Das neue Alte Testament — buchstaeblich @ 13:23
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Ich räume vorweg ein, dass ich meine Profiler-Ausbildung in Form eines autodidaktischen Fernstudiums mittels jahrelangen Konsums von Kriminalfilmen und der Lektüre von Thrillern in vierstelliger Anzahl in der Badewanne absolvierte. Das gibt zwar schrumpelige Zehen, aber mehr war denn auch offensichtlich nicht nötig.

Was finden wir denn eigentlich vor? Der Tatort: Ein abgegrenztes Areal namens Garten Eden, auf dem der sogenannte Herr Gott einen Baum pflanzt, dessen Früchte bewusststeinerweiternde Substanzen enthalten. Und dort ein Knabe namens Adam, der nicht nur bildungsfern, sondern komplett bildungsfrei durch die PISA-Studie gerutscht ist. Denn sein einziger Zugang zu Information ist der sogenannte Herr Gott, und der sagt erstens nicht viel und zweitens nur ungern die Wahrheit. Der moderne Leser assoziiert hier doch stante pede Kaspar Hauser.

Mit einer ordentlichen Portion Deprivation gerät ein isoliert gehaltener Mensch in einen Zustand, der ihn jeden Scheiß glauben lässt – sogar, dass man aus Matsch Leute kneten kann – das nennt man heutzutage Stockholm-Syndrom, aber damals war Stockholm leider noch nicht erfunden.

Armer kleiner Adam. Lange ist sein einziger Kontakt ein sporadisch auftauchender Kerl, der sich Gott nennt und sowohl ihn als auch alles,was Adam zu sehen kriegt, selbst erschaffen haben will. Na, vielleicht hat der den Zaun ums Grundstück selber gezogen und ein paar Bäume gepflanzt, aber dass Kleingärtner Götter sind, glauben heutzutage nicht mal mehr die Laubenpieper selbst.
Schade jedenfalls, dass damals die heute speziell von Vertretern des Christentums propagierte Ethik noch nicht erfunden worden war, die Experimente mit Menschen aus moralischen Gründen verboten hätte.

Was den vielzitierten Baum der Erkenntnis betrifft, so beschreibt Moses höchstselbst, dass der angebliche Schöpfer beinhart gelogen hat, als er Adam den Schmarrn von der tödlichen Toxizität der Früchte des Erkenntnisbaumes erzählte.
Hätte dies Problem ein wahrer Schöpfer von Planeten nicht eleganter gelöst?
Oder dank seiner Allmacht oder auch nur seiner Axt vorm Zug verhindert? Ist von lügenden Menschen schon nicht viel zu halten, so geben lügende Götter doch wohl erst recht Anlass zum Zweifel.

Spätestens hier bekommt man doch einen Lachkrampf, wenn man an das Dogma der göttlichen Unfehlbarkeit denkt, oder? Da hatte doch offensichtlich einer Schiss, dass die bewusstseinserweiternden Substanzen den Denkmotor Adams anschmeißen und der die ganze Chose durchschauen könnte. Aber zu faul, einen Baum zu fällen, das haben wir gerne! Und überhaupt: Der Pseudo-Schöpfer hat ja nicht einmal erkannt, dass die IQ-Perlen auf Adams Aminosäureketten nur ganz sparsam verteilt waren. Allwissend: Pah! Ein allwissender Gott muss seine
Schäflein nicht suchen, der weiß, wo die sind. Auch wenn sie gerade verbotene Früchte genascht haben.
Also: Bei dem Plot hätte Moses der Erfinder des Psychothrillers werden können, wenn er das Mitdenken nicht vergessen hätte. Stattdessen kommt er einem vor wie ein Lokalreporter beim Springer-Verlag.

Man kann den ganzen Schmonzes nämlich auch ganz anders interpretieren:
Ein größenwahnsinniger, an Selbstüberschätzung leidender kleiner Irrer mit Potenzproblemen klaut sich ein Kind und verschleppt es auf sein abgeschottetes Gartengrundstück. Es braucht nicht einen einzigen akademischen Titel für diese Erkenntnis, aber wer immer einen passenden hat, wird mir beipflichten: Ein komplett isoliert gehaltenes Kind glaubt irgendwann die dollsten Stories, die ihm seine einzige Kontaktperson aufzutischen pflegt und vergisst, wo es herkommt, sofern es zum Zeitpunkt der Herausnahme aus seiner Ursprungssituation nur klein genug war.

Und wenn der Bub eines Tages aufwacht und sein Kidnapper ihm ein zweites Kind namens Eva präsentiert, dann glaubt der kleine Adam auch, dass der große Meister ihm das Mädel aus den Rippen geschnitten hat, während er schlief.

Zwischengeflüster: Pst, ein echter Schöpfer hätte doch seine Schöpfung nicht mit dem Inzest genetischer Zwillinge aus einem Klonprojekt begründet. Denn nichts anderes wären die beiden, wenn Eva aus einem Stück DNA von Adam gezüchtet worden wäre, oder? Der hätte doch vorausschauend geplant und einen zweiten DNA-Strang geklöppelt, damit da genetisch nichts in die Buxe geht.

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6 Kommentare »

  1. Hat denn der Herr Gott nachgeschoepft? Wenn im Garten Eden alles vorhanden war, also die komplette Palette an Fruechten und Gemuesen, ein Kasten Bier, ein Plasmabildschirm und ein Massagesessel, dann haette Adam doch keinen Terz gemacht. Und so ein allmaechtiger Gott weiss ja, was dem Mann von heute fehlt: die Bundesliga im Free-TV. Worauf ich aber raus will ist das: gibt ja genug Pflanzen, deren Genuss so ein Leben recht brachial verkuerzen kann. Weisser Knollenblaetterpilz, beispielsweise. Oder Tollkirsche. Und da im Garten Eden ja ALLES war, muss der Kram doch auch gewachsen sein. Oder hat Herr Gott da einen Zwischenzaun gezogen und ein Schild aufgestellt: Hiervon nichts essen!? Wohl nicht, denn die Edenbewohner durften ja angeblich alles essen. Normalerweise gehen da ein paar Prototypen ueber den Jordan, bis sich die Intelligenz so weit entwickelt hat, dass man weiss, was man essen kann. Onkel Karl hat diese Pilze gegessen und eine halbe Stunde spaeter seine Koerpertemperatur auf Umgebungsniveau gefahren. Als er nach drei Tagen immer noch nicht aufgestanden war und seltsam zu riechen anfing, haben wir ihn halt mal auf den Kompost geworfen.

    So, jetzt kann man natuerlich argumentieren, dass Adam von Anfang an gewusst hat, was er essen kann und was ihm groessere Probleme bereiten wuerde. Aber dann stellt sich die Frage: weshalb kratzen heute immer noch Leute ab, die Pilzragouteigenversuche durchfuehren? All das vergessen, was Adam wusste? Wie koennen wir dann, wenn das stimmte, die Krone der Schoepfung sein?

    Kommentar von nagelneuestestament — 2. Februar 2009 @ 15:30

  2. Na, das mit dem „Alles“ wird so eine Sache gewesen sein: Im Garten Eden (es gibt bis heute Leute, die ihren Kleingärten Namen geben!) gab es alles, was dort war. So ein entführtes, isoliert gehaltenes Kind kann ja nicht wissen, was man unter „Alles“ zu verstehen hat.
    Wenn der Kidnapper seinen Kleingarten voller Giftpflanzen gepackt hätte, wäre er ein Nachschubprobleme geraten. Der Depp war nur zu faul, dieses eine Drogen-Pflänzchen zu fällen in der Hoffnung, die Kinder wären nicht so neugierig und obendrein ungehorsam. Aber selbst gut dressierte Hunde holen sich das Leckerli, wenn Herrchen aus dem Zimmer geht, nicht wahr?

    Kommentar von buchstaeblich — 2. Februar 2009 @ 15:59

  3. […] Was vorher war. […]

    Pingback von Aufklärung tut not: Das Eva-Gedöns « Das nagelneue Testament — 6. Februar 2009 @ 12:24

  4. […] vorher geschah: Teil 1 Teil 2 Teil 3 Hinterlasse einen […]

    Pingback von Prekäre Entwicklung – Sohn 3.0 « Das nagelneue Testament — 9. April 2010 @ 18:03

  5. […] vorher geschah: Teil 1 Teil 2 Teil 3 Teil 4 Hinterlasse einen […]

    Pingback von Von alten und neuen Vätern « Das nagelneue Testament — 12. April 2010 @ 19:10

  6. Na, na, du bist ganz einfach zu wenig spirituell!
    Adam wurde bei der Geburt in die Erkenntnis geführt, daher wusste er schon was zu essen ist und was giftig ist. Das Einzige was der Herr, Gott genannt, vergessen hat, dass beim Anblick einer Frau, wahrscheinlich war sie blond, die Hormone sich verselbständigen, daher das Desaster mit seinen beiden Söhnen. Wir leiden heute noch darunter! Als Junge war Kain viel mit seinem Vater unterwegs, und sah, wie der Vater Tiere mit einem Stein erschlug, das hat er nachgemacht dabei kam es zu dem Betriebsunfall mit Abel. Die weitere Vermehrung dieses Stammes ist nicht dokumentiert, vielleicht hat Kain dann Adam auch erschlagen und mit Eva Nachwuchs gezeugt, wäre ja auch eine direkte Linie, eventuell zu Moses, dem alten geilen Knecht!

    Kommentar von notatall — 27. Juli 2010 @ 16:02


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